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Die Wiener Tafel, mit 21 Jahren die älteste heimische Tafelorganisation, fungiert als Schnittstelle zwischen Lebensmittelspenden und bedürftigen Menschen. Darüber hinaus will man die unnötige Entsorgung genießbarer Lebensmittel in Privathaushalten durch Informationen und mehr Vertrauen in die eigenen Sinne bekämpfen.
Die Wiener Tafel, mit 21 Jahren die älteste heimische Tafelorganisation, fungiert als Schnittstelle zwischen Lebensmittelspenden und bedürftigen Menschen. Darüber hinaus will man die unnötige Entsorgung genießbarer Lebensmittel in Privathaushalten durch Informationen und mehr Vertrauen in die eigenen Sinne bekämpfen.
© Julia Dragosits

1. Internationaler Tag des Bewusstseins für Lebensmittelverschwendung

28.09.2020

Am 29. September ist der 1. International Day of Awareness of Food Loss and Waste, den die UN ins Leben gerufen hat. Damit macht die UN verstärkt auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam und möchte zukunftsorientierte Lösungen zur Rettung von Lebensmitteln aufzeigen.

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Lebensmittelverschwendung auf der einen Seite, Hunger auf der anderen – eine absurde Situation. Darüber hinaus belastet Essen im Müll das Klima und den Planeten. Die daraus resultierenden Kosten werden EU-weit auf mehr als 140 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Daher ist die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung nicht nur aus ökologischer Perspektive sinnvoll, sie bringt auch erhebliche ökonomische Vorteile.

Freiwilligkeit statt gesetzlicher Zwangsmaßnahmen

Österreich hat sich im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsziele zur Halbierung der vermeidbaren Lebensmittelabfälle in Haushalten und im Handel bis 2030 verpflichtet. Der heimische Handel – obwohl nur für 10 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich - unterstützt daher schon seit Jahren freiwillige Initiativen wie "Lebensmittel sind kostbar", um die Weitergabe an Sozialorganisationen aktiv zu fördern. Supermärkte geben nicht mehr verkäufliche, aber noch genießbare Lebensmittel an Tafeln und andere Sozialeinrichtungen weiter. Maßnahmen, die in anderen europäischen Ländern gesetzlich vorgeschrieben werden mussten, sind in Österreich seit vielen Jahren gelebte Realität.

"Für uns Händler sind Lebensmittel nicht nur kostbar, sie sind Kernbestandteil unserer Geschäftstätigkeit und Lebensgrundlage für uns alle. Der entscheidende Trumpf im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung ist die Weitergabe an Sozialeinrichtungen. In Österreich werden pro Jahr 12.250 Tonnen Lebensmittel vom Handel an Sozialorganisationen gespendet. Darüber hinaus werden 10.000 Tonnen an nicht mehr verkäuflichen Lebensmitteln zur Futtermittelherstellung verwertet. Wir sind im internationalen Vergleich ein absoluter Vorreiter", so Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.

Das Haftungsproblem der Sozialorganisationen

Aus rechtlicher Sicht sind Tafeln und Sozialmärkte hierzulande als Inverkehrbringer zum Endkonsumenten zu sehen – mit allen lebensmittelrechtlichen Pflichten. Die Möglichkeiten dieser Sozialorganisationen, die entsprechenden Vorgaben insbesondere hinsichtlich Qualitätskontrollen und Lebensmittelsicherheit einzuhalten, sind jedoch nicht mit jenen von Lebensmittelhändlern zu vergleichen.

In Nachbarländern wie Italien gibt es daher die gesetzliche Regelung, dass Sozialorganisationen nicht für Mängel von Produkten haftbar gemacht werden können, die sie nach bestem Wissen weitergegeben haben. Da die erforderlichen Rahmenbedingungen für Sicherheit und Hygiene durch die Sozialorganisationen bei Erhalt der Spenden gewährleistet sind, bietet das italienische Gesetz den Spendern eine zusätzliche Rückversicherung. Damit werden Schenkungen gefördert, ohne die notwendigen Schutzmaßnahmen in Frage zu stellen. "Die Sozialorganisation haben mehr Rechtssicherheit und sind vor Haftungsklagen geschützt. Die Händler wiederum müssen weniger Bedenken bei der Weitergabe von Produkten haben. Hier braucht es in Österreich endlich eine bessere Lösung", erklärt Handelssprecher Rainer Will.

In Österreich ist der Handel hingegen steuer- und lebensmittelrechtlich gezwungen, bei der Weitergabe von Lebensmitteln in einem Graubereich zu agieren. So müssen Lebensmittel vor der Weitergabe als Verderb deklariert werden, um die Vorsteuer anwenden zu können. Bedingung dafür wäre allerdings, dass die Waren nicht mehr verkäuflich/verkehrstauglich sind. Damit dürften sie aber auch nicht mehr über Sozialeinrichtungen in Verkehr gebracht werden. Dieser rechtliche Graubereich muss künftig klarer geregelt werden.

Verschwendung dort bekämpfen, wo sie passiert

Laut Greenpeace stammen 42% der heimischen Lebensmittelabfälle im Rest- und Bio-Müll aus Haushalten, aber weniger als 10% aus dem Einzel- und Großhandel. Im Schnitt landen in Österreich jährlich immer noch rund 206.000 Tonnen an vermeidbaren Lebensmittelabfällen und Speiseresten im Restmüll und in der Biotonne. Pro Haushalt sind das jährlich 43 kg, der durchschnittliche Wert beträgt rund 300 Euro. Eine Studie von Danone Österreich und der Wiener Tafel im Jahr 2018 hat gezeigt, dass 52 % der österreichischen Konsument*innen ihre Lebensmittel aus Unsicherheit über die Genießbarkeit des Produkts, 20 % wegen falscher Lagerung und 18 % wegen Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums wegwerfen. Gerade jüngere Menschen fühlen sich offenbar unsicher und neigen dazu, Lebensmittel eher rasch zu entsorgen.

Damit gerade Kinder und Jugendliche wieder Vertrauen in die eigenen Sinne entwickeln, hat die Wiener Tafel das „Sensorik Labor mit Sinn“ entwickelt. Dabei lernen junge Menschen, wie sie selbst am besten unterscheiden können, ob ein Lebensmittel noch genießbar oder bereits verdorben ist. Außerdem erfahren sie mehr über die richtige Lagerung von Lebensmitteln. So lernen sie spielerisch den Wert von Lebensmitteln kennen und vor allem: sie zu retten!

Genießbar nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum

Das Datum ist nur eine Garantie des Herstellers und kein „Ablaufdatum“. Bis dahin garantiert der Hersteller beispielsweise den unveränderten Geschmack und den Geruch des Produkts. Die meisten Lebensmittel sind aber auch nach diesem Datum genießbar – entsprechende Lagerung und Unversehrtheit der Verpackung vorausgesetzt.

Die Wiener Tafel hat deshalb einen Leitfaden und weiteres Infomaterial rund um das Mindesthaltbarkeitsdatum entwickelt, das kostenlos über die Website www.wienertafel.at bestellt werden kann.

Informationstag der europäischen Tafelorganisation FEBA

Europas Expert*innen nutzen den 29. September mit einem Symposium. Die europäische Tafelorganisation FEBA, deren Mitglied die Wiener Tafel ist, wird die Veranstaltung "Food, no waste!" sogar virtuell übertagen. Tafeln aus Italien, Schweden, Tschechien und anderen europäischen Ländern stellen in einer virtuellen Ausstellung und in Live-Diskussionen ihre wichtige Arbeit vor. In einem virtuellen Ausstellungsstand präsentiert auch die Wiener Tafel, die sich seit über 21 Jahren nicht nur praktisch in der Lebensmittelrettung engagiert, sondern auch zahlreiche innovative bewusstseinsbildende Initiativen entwickelt, ihre Projekte: Die TafelBox wird ebenso vorgestellt wie die Initiative zum Mindesthaltbarkeitsdatum „Ist das noch gut?“ sowie das Sensorik Labor mit Sinn. Um 16.00 Uhr können Sie sogar den Live Stream aus dem UN Headquarters mitverfolgen. Wenn Sie live dabei sein möchten, finden Sie hier alle Informationen sowie den Registrierungslink: https://29september.eurofoodbank.org/

Autor: 
Redaktion.Handelszeitung