Direkt zum Inhalt
Peter Brabeck-Letmathe wird nach 48 Jahren an der Spitze von Nestlé ausscheiden.
Peter Brabeck-Letmathe wird nach 48 Jahren an der Spitze von Nestlé ausscheiden.
© Nestlé

Das (gute) Gewissen von Nestlé

24.10.2016

Der Kärntner Peter Brabeck-Letmathe ist einer der mächtigsten Manager der Welt. Der Nestlé-Boss stand 48 Jahre lang an der Spitze des Lebensmittel-Konzerns mit 333.000 Mitarbeitern in über 150 Ländern. Die Handelszeitung bat ihn zum Interview vor seinem bevorstehenden Ausstieg.

Anzeige

Text: Hanspeter Madlberger

Peter Brabeck-Letmathe ist Kummer gewöhnt. Als er zum Exklusivgespräch mit der Handelszeitung den Salon 2 in der Bel Etage von René Benkos Vienna Hyatt Park Hotels betritt, hat er gerade ein Puls-4-TV-Duell mit Sarah Wiener hinter sich. Die charmante Koch-Lady hatte ihm als Leitsatz ihrer Gastrosophie die Forderung aufgetischt, eigentlich dürften die Menschen nur die euterferische Milch von der Alm konsumieren, schon die Pasteurisierung sei aus Ernährungsgründen abzulehnen. Für den demnächst scheidenden Präsidenten des Nestlé-Verwaltungsrates eine Einser-Frage. Seine Replik auf Wieners Milchmädchenrechnung: Die Bevölkerung der Millionenstadt Wien würde sich schön bedanken, wenn sie die frische Milch nicht beim Supermarkt ums Eck bekäme, sondern, täglich zu den Bauernhöfen des Alpenvorlandes ausschwärmen müsste, um auf ihren Milchkaffee nicht verzichten zu müssen.

Da war die TV-Konfrontation mit Jean Ziegler, dem scharfzügigen eidgenössischen Kapitalismus-Kritiker schon eine rhetorisch -intellektuelle Herausforderung anderen Kalibers. Brabecks Resumee: „Das war eines der besten Gespräche, die ich hatte. Bei rund 80 Prozent der Themen waren wir nämlich einer Meinung.“ Und die restlichen 20 Prozent? „Da ging es um Zieglers Ideologie.“

Man kann es nachvollziehen, wenn der Big Boss des weltgrößten Nahrungsmittelproduzenten, eines Unternehmens, das mit dem Casino-Kapitalismus nichts gemein hat, sich gegen pauschale Multi-Hatz, wie sie Ziegler betreibt, zur Wehr setzt. In Wirtschaftskreisen wird Peter Brabeck, Österreichs Vorzeige-Manager, verehrt und bewundert, auf dem Boulevard der Meinungsmache ist er als „Mister Nestlé“ täglich Zielscheibe von Vorwürfen, Attacken, Unterstellungen. Wie surft man durch diese Gischt von Begeisterungs- und Empörungswelle?

Brabecks soeben erschienenes Buch „ Ernährung für ein besseres Leben“ liefert darauf eine Antwort. „Es handelt sich um ein lupenreines Fachbuch, jede Aussage ist wissenschaftlich dokumentiert“, betont er. Denn emotionale Attacken, wie sie von fundamentalistischen Gegner der Nahrungsmittelindustrie laufend abgefeuert werden, könne Nestlé nur durch Sachargumente entkräften: „Wir müssen uns der Problematik stellen, offen darüber sprechen und sachbezogen argumentieren.“ Einfach sei das nicht, denn „wenn der Gesprächspartner mit Emotionen provoziert, darf man sich nicht erlauben, in eine emotionell geführte Diskussion abzugleiten.“ Nachsatz: “Da braucht es eine Portion Charisma, um den eigenen Standpunkt glaubwürdig hinüberzubringen.“

48 Jahre Nestlé-Treue

Dass Brabeck über diese Qualitäten verfügt, ist unbestritten. Der gebürtige Villacher (Jahrgang 1944) heuerte 1968 als frischgebackener Diplomkaufmann der Wiener Welthandels-Hochschule bei Nestlé als Jopa-Eisverkäufer an und hielt dem Unternehmen ein Berufsleben lang die Treue. 48 Jahre lang „Nestlé-Hocker“, das macht ihn zum Ausnahme-Manager in einer Zeit, da auch im Markenartikelgeschäft das Job-Hopping der Führungskräfte von Konzern zu Konzern die Regel ist. Wie eng Brabeck mit „seiner“ Nestlé verbandelt ist, verriet er diesen Sommer in Salzburg in einem „Kurier“-Interview: „ Ich habe während meiner gesamten Karriere jeden Bonus in Form von Nestlé-Aktien bekommen und nie eine einzige verkauft.“ Jetzt besitzt er vier Millionen Stück davon und ist damit einer der größten individuellen Shareholder des Konzerns. Er verkörpert so, wie in den guten alten Familienunternehmen, die Personalunion von Firmeneigentümer und Führungskraft. Eine win-win-Situation für Nestlé und Brabeck, die über Jahrzehnte hin einander dienten und aneinander verdienten.

Vor zwanzig Jahren hat Brabeck den Platz im Nestlé-Cockpit von seinem Vorgänger und Mentor Helmut Maucher übernommen. In der Ära Maucher stieg Nestlé zum globalen Big Player im Food-Markenartikelgeschäft auf. Drei Großakquisitionen standen am Programm: Im Jahr 1984 kam der US-amerikanischen Mischkonzerns Carnation (Petfood, „Glücksklee“ Kondensmilch) zu Nestlé. 1988 folgte der Kauf des italienischen Teigwaren-Klassikers und Baci-Herstellers Buitoni-Perugina und des britischen Schokoladeriesen Rowntree (Kit Kat, After Eight). Dazu kamen 1990 das Joint Venture mit General Mills im Cerealiengeschäft (1990) und, in den darauffolgenden Jahren, die Übernahmen der Quellen von Perrier und San Pellegrino. Starkes zweites Standbein im Nearfood-Bereich war die schon 1974 begründete enge finanzielle Verschränkung mit L’Oreál, dem Kosmetikimperium der Familie Bettencourt.

Die sehr unterschiedlichen Unternehmenskulturen all dieser Zukäufe organisch in das Nestlé Imperium zu integrieren, war die große Herausforderung, vor der Brabeck nach der Hofübernahme stand. Er hat sie mit seinem Charme und anderen soft skills, die die österreichische Diplomatie auszeichnet, bravourös bewältigt und damit der behäbig-schweizerischen und forsch-deutschen Managment-Tradition in Vevey eine drittes, integrierendes und motivierendes Element hinzugefügt. In diese Rolle des Dirigenten als Teamleader müssen seine Nachfolger Paul Bulke (als Verwaltungsrats-Präsident) und der von Fresenius kommende Ulf Schneider (als neuer CEO) jetzt hineinwachsen.

Nestlé und der Handel

Korrekt-distanziert: so lässt sich das Verhältnis von Nestlé zu seinem wichtigsten Kunden, dem Lebensmittelhandel, bezeichnen. Da gab es bisweilen intensivere Phasen, etwa damals, als Helmut Maucher dem seinerzeitigen Rewe-Chef Hans Reischl freundschaftlich verbunden war. Um die Jahrtausendwende lancierte Brabeck als Board-Vorsitzender von ECR Europe das Kooperationsprojekt „Jointly agreed Growth.“ Markenartikel-affine Handelsketten haben es unterstützt, bei den Eigenmarken-Freaks unter den Retailern stieß es auf wenig Gegenliebe. Als Privat-Label-Produzent tätig zu werden, war für Nestlé bisher kaum ein Thema. Aber vielleicht ändert sich das mit dem Joint Venture, das der Konzern kürzlich mit der britischen Eiscreme-Firma R&R einging. Hat sich doch die R&R-Vorgängerfirma Roncadin als Handelsmarken-Produzent von Speiseeis europaweit einen Namen gemacht.

Die fortschreitende Digitalisierung beschert dem Marktmacht-Poker zwischen Industrie und Handel neue Spielregeln. Der Online-Direktverkauf an die Verbraucher, mit Nespresso bereits perfekt umgesetzt, bietet aus Brabecks Sicht dem Markenartikler einen großen Vorteil: Im stationären Handel sei der vorhandene Verkaufsraum ein Engpass, der das Umsatzwachstum spürbar bremst. „Beim Online-Vertrieb herrscht Null Raumbedarf, und das ist ein riesigen Vorteil“ sagt Brabeck und fügt hinzu: „Hauptnutznießer aber sind freilich nicht wir großen, sondern die vielen kleinen Hersteller, die bisher keine Regalplätze ergattern konnten.“

Bei Umsatz und Ertrag vor Procter und Unilever

Was den Umsatz betrifft, hat Nestlé in der Ära Brabeck das US-Markenartikel-Urgestein Procter & Gamble und dessen europäisches Pendant, die britisch-niederländische Unilever überholt. 2015 wies Nestlé einen Gesamtumsatz von 83,45 Mrd. € aus, während P&G auf 76,28 Mrd. $ kam und Unilever sich mit 53,3 Mrd. € begnügen musste. Worüber sich Peter B. und seine Aktionärskollegen noch mehr freuen dürften. 2015 erzielte Nestlé eine Nettoumsatzrendite von 10,18% und lag damit auf Augenhöhe mit Unilever (9,81%), während Procter „nur“ 9,22% erwirtschaftete. Freilich, das Geschäft mit der Gesundheit –hauptzuständig ist dafür Brabecks Liebkind, die Konzerntochter Nestlé Health Science AG – glänzt weniger als Ertrags- sondern vielmehr als Image-Lieferant der Schweizer. Verdient wird weiterhin mit den Convenience-Geschäftsfeldern, von Instant-Kaffee und Milchprodukten bis zu den Suppen und Wässern, wobei auch viele dieser Produkte mit Nutraceutical-Komponenten angereichert wurden. Brabeck: „Jod im Maggiwürfel bewahrt Kinder in Westafrika vor der Kropfkrankheit, Die Anreicherung von Babynahrung mit Vitamin A und Zink schützt vor dem Erblinden.“

Im Jahr 2000 gab Brabeck die Parole aus, Nestlé müsse sich vom Nahrungsmittelhersteller hin zu einer Nutrition Health and Wellness Company entwickeln. Das hielt zwar die Lobbyisten der „gesünderen, weil naturfrisch vom Bauern kommenden Lebensmittel“ nicht davon ab, ihr Food Industry Bashing weiter zu betreiben. Aber als Branchenprimus setzte Vevey ein Trendwende-Signal. In Brabecks Buch ist nachzulesen, wie auch andere Lebensmittel-Multis die Health & Sustainability-Kurve nahmen. Unilever erzeugte 2014 bereits 48% seiner Produkte aus nachhaltiger Landwirtschaft. Im Sortiment von Coca-Cola befanden sich 2014 mehr als 100 neue kalorienfreie oder kalorienreduzierte Produkte. Mondelez animiert die Verbraucher mit seinem „mindful snacking“-Programm zu einem verantwortungsvollen Süßwaren-Konsum. Danone, der weltweit größte Hersteller von Molkereiprodukten und die Nummer 2 bei „bottled water“ und Kindernahrung, setzt auf „Alimentation.“ Dieses Schlagwort steht für „Gesundheit durch gesicherte Ernährung einer größtmöglichen Anzahl von Menschen.

Dass die Zahl der Kinder, die an Hunger starben, im letzten Jahrzehnt deutlich zurückging, ist nicht zuletzt Firmen wie Nestlé oder Danone zu verdanken. Und was Brabecks Hauptanliegen, den sorgsamen Umgang mit den Wasserressourcen unseres Planeten, betrifft, gilt der Merkspruch des Dichters Robert Gernhard:

„Vieles ist getan

Mehr noch bleibt zu tun“,

sprach der Wasserhahn

zu dem Wasserhuhn.

Autor: 
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger
Weitere Artikel