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Bauern gegen Lebensmittelhandel - das ist Brutalität ...
Bauern gegen Lebensmittelhandel - das ist Brutalität ...
© Archiv

Glyphosat als Zankapfel zwischen Bauern und Händlern

03.04.2019

Fairness-Pakt  hin oder her, in Sachen Glyphosat prallen die Meinungen von Bauernvertretern und Lebensmittelhändlern hart aufeinander.  Besonders gegensätzliche Standpunkte vertreten im aktuellen Diskurs über Monsantos Unkraut-Vernichtungsmittel Roundup der Niederösterreichische Bauernbund und die Handelsgruppe Spar. Ein Konflikt, so überflüssig wie ein Kropf.

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Im Jahr 2017 hat die EU den Einsatz des Herbizids Glyphosat in der Landwirtschaft für weitere fünf Jahre genehmigt. Handelsunternehmen wie Österreichs Spar hingegen fordern ein generelles gesetzliches Verbot des Mittels in der EU. Die Glyphosat-Gegner, darunter NGOs wie Global 2000, berufen sich dabei auf die neuesten Gerichtsurteile aus den USA, die dem Verdacht krebserregender Wirkung von Herbizid-Produkten wie Roundup aus dem Hause Monsanto neue Nahrung geben. Konkret hat die Spar im vergangenen Jahr Glyphosat aus allen Eigenmarken verbannt. Mediale Schützenhilfe steuerte die „Krone“ bei. Berglandmilch und Kärntnermilch haben sich daraufhin entschlossen, auf den Einsatz von Glyphosat zu verzichten. Alle Milchbauern, die an die beiden Molkereien liefern, dürfen daher kein Glyphosat mehr auf ihren Wiesen und Ackerflächen einsetzen. Auch eine Anzahl von konventionellen Obst- und Gemüsebauern, die Spar beliefern – wie beispielsweise die Familie Winfried Markut aus Kärnten, die für Spar Kartoffeln und Zwiebeln anbaut – haben sich dazu entschlossen, auf den Einsatz von Glyphosat zu verzichten. Das Bundesland Kärnten erhielt im Dezember 2018 von der EU grünes Licht für ein Landesgesetz, dass den Glyphosat-Einsatz in der Landwirtschaft verbietet.

Lautstarker Bauernzorn

Bei Bauernvertretern, insbesondere beim Niederösterreichischen Bauernbund, herrscht großer Unmut über das anti-Glyphosat-Engagement der Salzburger. Ein Unmut, der sich im Vorfeld der EU-Wahlen noch deutlicher artikuliert. Niederösterreichs Landeshauptfrau-Stellvertreter Dr. Stephan Pernkopf, der neue Obmann des NÖ Bauernbundes, meinte kürzlich gegenüber einem Agrarmedium: „Wenn wir heuer 120.000 Tonnen Erdäpfel wegschmeißen, weil sie vom Drahtwurm befallen sind, ist das eine unfassbare Lebensmittelverschwendung. Es sei daher allen ein letztes Mal ins Stammbuch geschrieben, dass unsere Bäuerinnen und Bauern keine Versuchskaninchen für irgendwelche NGO-Fantasien sind.“

Schützenhilfe bekam Pernkopf vom Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ) Ferdinand Lembacher. Dieser erklärte zu Beginn dieser Woche  in einer Aussendung des Agrarischen Informationszentrums: "Pflanzenschutz ist nichts anderes als ein Bündel von Maßnahmen, damit die Pflanzen wachsen, gedeihen und Früchte tragen oder selbst als Lebensmittel dienen können. Zum Pflanzenschutz zählen in erster Linie die richtige Fruchtfolge, die Sortenauswahl und eine sorgfältige Kulturführung. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist erst die Ultima Ratio. Nach dem Motto 'So wenig wie möglich, so viel wie notwendig' und unter professioneller Anwendung ist jedoch ein Pflanzenschutzmitteleinsatz oft unverzichtbar, um Ernte und Qualität sicherzustellen". Und er schildert die Auswirkung der Glyphosat-Ächtung durch Handelsmarken auf das Erdäpfelgeschäft: „Massive Importe aus Ländern mit teilweise viel geringeren Standards, damit verbundene Treibhausgas-Emissionen und somit eine weitere Schädigung unseres Klimas sind die Folge derartiger unpraktikabler Vorgaben. Ein Lokalaugenschein ergab: Bei Spar gibt’s zurzeit erntefrische Erdäpfel aus Ägypten, Lidl hat französische Kartoffeln im Angebot. Dass die Bio-Landwirtschaft ohne Glyphosat auskommt, bleibt freilich unerwähnt.

Der Streit um Glyphosat ist nicht der einzige Zankapfel zwischen Landwirtschaft und Lebensmittelhandel. Als der Europäische Gerichtshof im letzten Jahr die Praxis der „Gen-Schere“ als Genmanipulation einstufte, spendeten Lebensmittelhandel und NGOs  dem Urteil einstimmig Beifall, während sich unter heimischen Agrariern Entsetzen breit machte. Man hatte nämlich große Hoffnungen in ein Forschungsprojekt der Wiener Boku gesetzt, das die Gen-Schere (Herausschneiden einzelner Gene aus einer DNA) als Alternative zur  „echten“ Genmanipulation (Implantation fremder Gene in eine andere Pflanze) zum Ziel hat. Auf diese Weise hoffte man, die Wettbewerbsnachteile zu  verringert, mit denen sich eine GMO-freie europäische Landwirtschaft angesichts einer überseeischen  Konkurrenz, die voll auf exzessive Gentechnik setzt, konfrontiert sieht. Last but not  least stoßen sich manche Agrarier an den Händler-Initiativen zur Kennzeichnung und Förderung  von Tierwohl-Fleisch. „Goldplating“, die Übererfüllung gesetzlicher Auflagen, wird den Einkaufs-Richtlinien für  Nachhaltigkeits-Handelsmarken vorgeworfen.

Große Herausforderungen kommen auf unsere Landwirtschaft zu

Glyphosat ist ein Problem, das auf naturwissenschaftlicher Grundlage lösbar sein müsste. Dass darüber zwischen heimischen Bauernfunktionären und heimischen Händlern gestritten wird, ist vor dem Hintergrund aktueller Veränderungen in der globalen Lebensmittelwirtschaft besonders bedauerlich. Konstruktive Zusammenarbeit innerhalb der österreichischen Lebensmittel Supply Chain wäre jetzt, insbesondere, was den Bereich Obst und Gemüse betrifft, dringend gefragt. Da braut sich nämlich einiges an Herausforderungen für Österreichs Bauern und für die Fans österreichischer Lebensmittel zusammen:

  • Die europaweit tätige Erzeugerorganisation Landgard (Jahresumsatz: rund zwei Mrd. €) plant, im Nordwesten Ungarns, im Dreiländereck Ungarn-Österreich-Slowakei ein in Zentraleuropa einzigartiges, integriertes Zentrum für die Produktion, Verarbeitung und Distribution von landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu errichten. Auf einer Fläche von rund 300.000 Quadratmeter ist der ganzjährige Gewächshaus- und Freiland-Anbau von Tomaten, Paprika, Auberginen, Küchenkräutern und anderem Grünzeug vorgesehen.
  • Die Greenyard Fresh Germany GmbH hat sich in den letzten Jahren zu einem weltweit führenden Anbieter von frischem Obst und Gemüse, Blumen und Pflanzen sowie Logistikdienstleistungen entwickelt. Das Unternehmen betreibt zahlreiche Tiefkühl- und Konservenfabriken und forciert die Pilzproduktion in Polen. Mit Hauptsitz in Belgien und einem Jahresumsatz von rund 4 Milliarden Euro ist die Greenyard Gruppe auf allen fünf Kontinenten und in 27 Ländern, darunter auch in Österreich (Großmarkt Inzersdorf), aktiv.
  • Innovationen, wohin man schaut:  Das niederländische Unternehmen The Greenery nimmt neuerdings Vitamin-D-Pilze als Fleischersatzprodukt in sein Angebot auf. Durch Bestrahlung mit UV-Licht wird  das Vitamin D in den Pilzen „aktiviert“.
  • Die französische CAM CGM Group, das weltweit zweitgrößte, auf Kühlcontainer-Transporte spezialisierte Schifffahrtsunternehmen, hat kürzlich bei einer chinesischen Schiffswerft zehn neue 366 m lange Containerschiffen bestellt, die auf den  Asien-Mittelmeer-Linien zum Einsatz kommen werden.

Fazit: Der Welthandel mit frischem Obst und Gemüse wird in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Und Global Player unter den Discountern werden das Ihre dazu beitragen.

Autor: 
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger