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Madlbergers Memo: Milliardäre und Pleitiers

06.08.2019

Aktuelle Bilanzdaten und jüngst veröffentliche Studien von Handelsforschungsinstituten  zeichnen ein bunt schillerndes Bild der Vermögens- und Ertragslage der Retail Branche in Deutschland und in Österreich. Von Pleitiers bis zu Milliardären reicht die Bandbreite.

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Während die beiden Schlecker-Kinder dieser Tage ihre Haftstrafe antreten müssen, Christian Haub die traditionsreiche Tengelmann-Zentrale in Mühlheim wegrationalisiert und der deutsch-südafrikanische Möbelhandelskonzern  Steinhoff  darum kämpft, wieder  Boden unter den Füssen zu bekommen, schwimmen die Mitglieder der beiden Albrecht-Clans wie Dagobert Duck im Geld. Geld, das ihre sparsamen Väter Karl und Theo Jahrzehnte hindurch auf ehrsame Weise angehäuft haben.

Wenn man dem „Trend“ Glauben schenkt, dann führt Rene Benko, Quereinsteiger aus der Immobilienbranche und mittlerweile Herr über Karstadt/Kaufhof und Kika/Leiner das Ranking der reichsten österreichischen Retailer an. Dass der Tiroler sich sein Vermögen im Einzelhandel erworben hat, davon ist freilich nicht auszugehen. Ähnliches gilt für das  Finanzinvestoren-Duo Daniel Kretinsky und  Patrik Tkac, die zur Zeit 32,9%  der Metro-Aktien besitzen und eine Mehrheit von 67,5% anstreben. Das Kalkül der Quereinsteiger könnte sein: Nicht nach altmodischer Art durch den Kauf und Weiterverkauf von Waren Geld zu verdienen, sondern auf clevere Weise durch den Kauf- und Weiterverkauf von Handelsfirmen (wie den Real Verbrauchermärkten) und die kreative Nutzung von Handelsimmobilien.

Sinkende  Bruttospannen drosseln die Erträge

Im österreichischen EH ist jedenfalls die Polarisierung zwischen grundsolider und  „grundelnder“ Vermögens- und Erfolgsbilanz besonders krass. Die KMU Forschung Austria kommt nach Auswertung von 8.853 Bilanzen stationärer Einzelhändler (Geschäftsjahr im Zeitraum  2017/2018) zum Ergebnis, dass  35% der Firmen rote Zahlen schreiben. Im Lebensmitteleinzelhandel liegen gar 42% der Firmen in der Verlustzone. Diese hohen Verlustquoten sind freilich auch dem Umstand geschuldet, dass die KMU Forschung  bei Einzelfirmen einen kalkulatorischen Unternehmerlohn in Höhe von  rund 36.700.- € (Bruttojahresgehalt eines Geschäftsführers) sowie  kalkulatorische Zinsen auf das Eigenkapital als Aufwände der G+V-Rechnung  hinzufügt. Quer durch alle Branchen sank die Umsatzrendite 2017/18 gegenüber der Vorperiode von 3,6 auf 3,0%. Hauptursache ist der gestiegene Wareneinsatz, auch die Abschreibungen  weisen einen höheren Wert aus.

Interessant in diesem Zusammenhang: Auch die Rewe Group  in Köln verweist in ihrem Jahresbericht 2018 auf einen Anstieg des Wareneinsatzes, der mit einer Verringerung der Bruttospanne  gleichzusetzen ist. Und begründet die Einbussen beim Rohgewinn mit dem verschärften Preiswettbewerb, der seinerseits  von den Markenartikel-Einlistungen  der Discounter und dem daraus resultierenden höheren Aktionsdruck im LEH befeuert wird.  Vieles spricht dafür, dass dieser Befund auch auf den österreichischen Markt zutrifft. Spartenobmann Peter Buchmüller: “Unsere Margen sinken deshalb, weil wir die Preiserhöhungen seitens der Industrie wegen des starken Wettbewerbs nicht zur Gänze an unsere Kunden weitergeben können“.

Personalkosten in D: Aldi 8.5 bis 9%, Supermärkte 13.6%

In der gesamten D-A-CH-Region bewegen sich Food-Discounter und Supermärkte  seit Jahren konzeptionell aufeinander zu, wobei der Gesamtmarkt nur mehr geringfügig wächst. Diese Entwicklung hat tief greifende Auswirkungen auf die Kosten- und Ertragsstruktur der Marktteilnehmer. Die „Lebensmittelzeitung“ überraschte kürzlich mit der Meldung, im Aldi-Doppel-Imperium seien im vergangenen Jahr die Personalkosten, ausgedrückt in Prozenten des Umsatzes, deutlich angestiegen. Den Bilanzen von Regionalgesellschaften war zu entnehmen, dass Aldi Nord bei den Personalkosten bereits die 9% -Marke  erreicht habe, über Aldi Süd wird ein Satz von 8.5% kolportiert. Laut der jüngst erschienenen EHI-Broschüre „Handelsdaten 2019 aktuell“ lagen 2018 die Personalkosten in deutschen Supermärkten bei 13,6%, Verbrauchermärkte kamen auf 12,9%.

Mehr als 80% der Wertschöpfung gehen an die Mitarbeiter, weniger als 20% bleiben im Unternehmen

Für den österreichischen EH, quer durch alle Branchen, weist die KMU-Studie eine Personalkosten-Belastung von 16,8%  und einen Bruttoertrag von 35,9% aus. Bei einem Gewinn von 3% , ist somit  der Wertschöpfungsanteil, der auf die  Gehaltskonten der Arbeitnehmer fließt, mehr als fünfmal so hoch, wie jener, der im Unternehmen verbleibt.   Diese Relation weist unsere Einzelhändler als Musterknaben der Sozialpartnerschaft aus.

Dass Paradediscounter Aldi/Hofer trotz niedrigerer Spanne  und  respektabler Gehälter seit Jahrzehnten höhere Umsatzrenditen erzielt als die meisten Supermarkt-Filialisten, liegt am deutlich höheren Rationalisierungsgrad, der sich an den Kennzahlen der Flächenproduktivität ablesen lässt. Das Zahlenmaterial, das uns dazu vorliegt, ist freilich unvollständig, man ist auf Schätzungen angewiesen. Hofers Flächenproduktivität (Umsatz/m2 Verkaufsfläche), so vermuten Insider, lag bis vor wenigen Jahren  über dem 10.000.- € -Level jetzt sollen es 9.000.- €  und weniger sein. Lidl hingegen soll sich hierzulande auf eine Flächenproduktivität von 7.000.- € hinaufgearbeitet haben. Der Umsatz/m2 im heimischen Vollsortiments-LEH (also ohne Hofer/&Lidl) lag  2017 bei 5.550.-  (Quelle: EHI).

Autor: 
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger